Einführung zur Ausstellung unbemerkt kommt Regen, Künstlerzeche Herne, 2024

von Tonio Nitsche

In Auseinandersetzung mit den unter dem Titel „unbemerkt kommt Regen“ ausgestellten fotografischen Arbeiten ist es hilfreich, sich den wohl ältesten Text, der zum Thema der Fotografie geschrieben wurde, in Erinnerung zu rufen: Der Text ist geschrieben von dem Franzosen Charles-François Tiphaigne de la Roche und trägt den Titel „Giphantie“. Der Text stammt aus dem Jahr 1760 und ist die wohl erste überlieferte Voraussage der Fotografie. Tiphaigne de la Roche entwickelt eine Idee von Fotografie aus der Funktionsweise eines Spiegels oder einer sich spiegelnden Wasseroberfläche, also Phänomenen, in denen das Licht für den Moment eines Augenblicks ein Bild erschafft. Der Text entwickelt aus der Beschreibung des Spiegels die phantasmatische Idee einer Leinwand, die die ersten Strahlen, die auf sie treffen, zu einem ewigen und unveränderlichen Bild werden lässt. Diese Leinwand sei zuvor präpariert worden von den elementarischen Geistern, indem diese „eine sehr subtile, klebriche und zähe Materie“ auf die Leinwand auftrugen. Die elementarischen Geister sind jedoch nicht die Autoren, nicht die Künstler des Bildes: sie sind vielmehr Ausdruck vormoderner, alchimistischer Vorstellungen von chemischen Wirkungszusammenhängen.

Die Autorin oder die Künstlerin des im Text beschriebenen Bildes sei vielmehr die Natur selbst, die die Fertigkeiten der Malerin übernimmt, vorzuzeichnen, die Farben anzumischen, aufzutragen, Schattierungen vorzunehmen. Der Text greift damit die Idee einer Natur auf, die auf einer Leinwand zu ihrem Abbild kommt und sich – im Gegensatz zum Spiegel – dort verewigt, sich der Zeitlichkeit entzieht. Tiphaigne De la Roche, der das Wort Photographie und ihre Funktionsweise nicht kennen konnte, musste dies in der Sprache der Malerei und der Alchemie beschreiben und erfasst dennoch Vorstellungen von Zeitlichkeit und Wirklichkeit im Bild, denen das Fotografische bis heue unterliegt. Denn noch immer haftet dem Fotografischen die Vorstellung einer
Abbildhaftigkeit der Welt und eines Stillstellen der Zeit an.

Hier schlage ich den Bogen zu den Arbeiten Max van Dorstens, die zwar von der Gegenwart erzählen, sich jedoch gleichzeitig zurückbegeben an die Kreuzungspunkte von Malerei und Fotografie, von Konstruktion und Spiegel und von An- und Abwesenheit des Autors.

Max van Dorstens Arbeiten zeigen eine Welt bei Nacht, zeigen nächtliche Landschaften, in die sich das Städtische, das Gesellschaftliche, das Bewegte eingeschrieben hat, das dennoch merkwürdig abwesend bleibt: ein Fenster ist erleuchtet, der Blick hinein aber unmöglich, die Straße als Ort der Bewegung bleibt unbefahren. Es ist still auf den Bildern, so still, dass es fast abwegig scheint, jemand habe an den Orten, hinter der Linse gestanden und den Auslöser betätigt. Selbst die Vorstellung eines Atemzugs, der ein Blatt zum Schwenken bringt, wirkt absurd angesichts der Stille der Bilder.

Doch zeigen die Bilder nächtliche Momentaufnahmen? Sind sie damit ein gegenwärtiger Ausdruck der von Tiphaigne de la Roche beschworenen elementarischen Geister, die den ersten Lichtstrahl zu einem Bild werden lassen? Auf den ersten Blick vielleicht. Auf den ersten Blick sehen wir womöglich Orte, die in einem Moment der Ruhe festgehalten wurden. Doch blicken wir länger auf die Bilder, dann wird dieser Eindruck brechen, die Vertraulichkeit der Landschaft wird sich auflösen. Denn keines der Bilder ist Spiegel einer realen Landschaft. Die Bilder sind konstruiert, mühsam zusammengesetzt aus verschiedenen Landschaften, Orten, Straßen, Architekturen bei Nacht. Die Bilder erscheinen als Fotografie und sind gleichzeitig mit einem malerischen Interesse an Komposition, an Farbe und Perspektive gebaut. Orte und Zeiten verschränken sich in den Bildern und lösen sich auf. Tiphaigne de la Roches Idee, ein Moment dem Strom der Zeit zu entreißen und ihn im Bild still zu stellen, verkehrt sich hier in sein Gegenteil: der Moment nimmt den Strom der Zeit in Beschlag und stellt ihn still. Der Moment krallt sich in die Welt und lässt sie erstarren.

Und dann kommt unbemerkt der Regen.

Doch was ist der Regen in einer erstarrten Welt? Woran erinnert der Regen, der auf keinem der Bilder hier zu sehen ist? Der Regen ist die Schwelle zwischen Vertrautheit und Fremdheit, zwischen Wirklichkeit und Fiktion, an der sich diese Bilder bewegen. Wir wissen, aus jenem wolkenverhangenen Nachthimmel könnte sich der Regen ergießen und dennoch scheint nichts fernerzuliegen, als dass ein Regentropfen eine Spur des Verschwommen-Seins in eines der Bilder bringt. Wir denken uns kurz einen Fotografen, der so fokussiert sein Motiv in den Blick nimmt, dass er den Regen nicht bemerkt, und müssen diese Idee im nächsten Moment wieder fallen lassen: müssen akzeptieren, dass niemand diese Bilder so macht, wie wir sie sehen, sondern dass wir Orte betrachten, die unserer Welt zwar ähnlich, aber dennoch entrissen sind. So leben die Bilder von dem Urglauben an die Fotografie, die Tiphaigne de la Roche bereits 1760 beschrieb: an den Glauben, dass das, was wir sehen, ein Spiegel unserer Welt ist. Und so erstarren wir immer wieder von Neuem in Erwartung an etwas, was nie kommen wird. Wir treten mit den Gewohnheiten unserer Welt an diese Bilder heran; mit der Gewohnheit, dass ein Mensch, ein Auto, eine Bahn – ja dass Regen kommt. Doch nichts von all dem wird kommen. Max van Dorsten zeigt uns eine Welt, die jede Bewegung und selbst ihren Fotografen verstoßen hat.